Werk
Vier Organisationen, die es vorher nicht gab
Jede dieser Fallstudien beschreibt dieselbe Bewegung an einem anderen Thema:
eine Ausgangslage ohne Zuständigkeit, eine Struktur, die daraus entsteht, und
das, was heute davon steht.
Deutscher Multimedia Verband → BVDW
1995 – 2004
Ausgangslage
Mitte der neunziger Jahre entstand in Deutschland eine Branche aus Agenturen,
Produktionsfirmen und den ersten Onlineabteilungen der Medienhäuser. Sie
wuchs schnell, hatte aber keine gemeinsame Stimme: keine Zahlen über sich
selbst, keine Berufsbilder, keine Ansprechpartner für Ministerien, keine
Verhandlungsmacht gegenüber Auftraggebern. Wenn die Politik etwas über
Multimedia wissen wollte, fragte sie die Telekommunikationsbranche.
Was zu tun war
Aus konkurrierenden Einzelunternehmen einen Verband machen — mit einer Satzung,
die auch kleinen Agenturen Stimmrecht gibt, mit Fachgruppen, in denen inhaltlich
gearbeitet wird statt repräsentiert, und mit einer Geschäftsstelle, die Positionen
erarbeitet. Dazu die Grundlagenarbeit, ohne die eine junge Branche nicht ernst
genommen wird: Marktzahlen, Vergütungsmodelle, Ausbildungs- und Berufsbilder,
Standards für die Zusammenarbeit zwischen Agentur und Kunde.
Was daraus wurde
Der dmmv wurde zur Vertretung der digitalen Wirtschaft in Deutschland und im
Jahr 2000 von der Deutschen Gesellschaft für Verbandsmanagement zum Verband
des Jahres gewählt. 2004 haben wir ihn strukturell umgebaut und zum
Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) umbenannt — weg vom Technikbegriff
„Multimedia“, hin zur Wirtschaftsvertretung. Ich war neun Jahre Geschäftsführer,
acht davon zusätzlich Vizepräsident, später im Gesamtvorstand.
Was heute davon steht
Der BVDW ist über zwanzig Jahre nach meinem Ausscheiden die massgebliche
Vertretung der digitalen Wirtschaft in Deutschland. Ich habe die
Geschäftsführung abgegeben, als die Reform abgeschlossen war; der Verband hat
mich zu seinem ersten Ehrenmitglied ernannt.
Deutscher IPv6-Rat
Mitgründer
Ausgangslage
Das Internet lief auf einem Adressraum, der absehbar erschöpft war. Der
Nachfolgestandard IPv6 existierte technisch seit Jahren, wurde aber kaum
eingeführt: Für den einzelnen Netzbetreiber lohnte sich die Umstellung erst,
wenn alle anderen sie auch machten. Ein klassisches Koordinationsproblem —
technisch gelöst, organisatorisch ungelöst.
Was zu tun war
Eine Instanz schaffen, die Netzbetreiber, Industrie, Verwaltung und Forschung
an einen Tisch bringt und die Umstellung zu einer öffentlichen Frage macht
statt zu einer internen Kostenposition. Das heisst: Öffentlichkeit für ein
Thema herstellen, das keine Bilder hat und niemanden emotional berührt.
Was daraus wurde
Der Deutsche IPv6-Rat als Zusammenschluss der beteiligten Akteure, mit
regelmässigen Gipfeln, Handreichungen für die Verwaltung und einer erkennbaren
Position gegenüber Politik und Regulierung.
Was heute davon steht
Die Erfahrung, dass Infrastrukturfragen ohne unmittelbaren Anwendernutzen
eine eigene Organisationsform brauchen — sie erledigen sich nicht über den
Markt. Diese Einsicht trage ich seither in jede Debatte über digitale
Souveränität.
World Summit Award · WSA Germany
seit 2003
Ausgangslage
Der World Summit Award ist aus dem Weltgipfel der Vereinten Nationen zur
Informationsgesellschaft hervorgegangen. Er zeichnet digitale Anwendungen aus,
die gesellschaftlichen Nutzen stiften — in über hundert Ländern, auch dort, wo
Risikokapital und Fachpresse nicht hinschauen. Damit das funktioniert, braucht
jedes Land eine eigene Vorauswahl, die die dortigen Projekte tatsächlich kennt.
Was zu tun war
Für Deutschland eine solche Vorauswahl aufbauen und dauerhaft betreiben:
Projekte finden, eine Fachjury zusammenstellen, nach international
vergleichbaren Massstäben bewerten und die Ergebnisse in den globalen Prozess
einspeisen. Ehrenamtlich, ohne Apparat, gegen die Konkurrenz von hundert
anderen Preisen.
Was daraus wurde
Seit über zwanzig Jahren die deutsche Nominierung zum World Summit Award, dazu
ein Sitz im internationalen Board of Directors. Über die Jahre ist daraus ein
belastbares Netzwerk aus Juroren, Gründerinnen und Institutionen entstanden,
das weit über den Preis hinaus trägt.
Was heute davon steht
Zwanzig Jahre ehrenamtliche Kontinuität sind das eigentliche Ergebnis. Sie
sind der Beleg dafür, dass es mir bei dieser Arbeit nicht um Mandatsdauer
geht, sondern um die Sache: Der World Summit Award ist die einzige meiner
Aufgaben, die ich nie abgegeben habe.
Bundesverband Green Software e.V.
seit 2024
Ausgangslage
Software verbraucht Energie — über die Rechenzentren, in denen sie läuft, und
über die Geräte, die sie voraussetzt. Wie viel, das entscheidet sich in
Architekturen und Programmierentscheidungen, für die niemand eine
Rechenschaftspflicht hat. Es gab eine aktive Fachgemeinschaft, aber keine
Stimme gegenüber Gesetzgebung, Beschaffung und Normung.
Was zu tun war
Aus einer Community einen Bundesverband machen: Rechtsform, Gremien,
Mitgliedermodell, und vor allem eine Position, die über den fachlichen Kreis
hinaus verständlich ist. Die entscheidende Frage war dieselbe wie 1995 —
wer darf für dieses Thema sprechen, und woran misst man ihn?
Was daraus wurde
Der Bundesverband Green Software e.V., gegründet 2024. Ich bin
Gründungsmitglied und im Beirat, mit Schwerpunkt auf der Anschlussfähigkeit
zur Politik und zur öffentlichen Beschaffung — dort entscheidet sich, ob
ressourcenschonende Software ein Wettbewerbsvorteil wird oder ein Bekenntnis
bleibt.
Was heute davon steht
Der laufende Beleg, dass die Methode noch trägt. Dreissig Jahre nach dem
ersten Verband, mit demselben Vorgehen, an einem Thema, das es damals nicht
gab.