Alexander Felsenberg
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Werk

Vier Organisationen, die es vorher nicht gab

Jede dieser Fallstudien beschreibt dieselbe Bewegung an einem anderen Thema: eine Ausgangslage ohne Zuständigkeit, eine Struktur, die daraus entsteht, und das, was heute davon steht.

Deutscher Multimedia Verband → BVDW

1995 – 2004

Ausgangslage

Mitte der neunziger Jahre entstand in Deutschland eine Branche aus Agenturen, Produktionsfirmen und den ersten Onlineabteilungen der Medienhäuser. Sie wuchs schnell, hatte aber keine gemeinsame Stimme: keine Zahlen über sich selbst, keine Berufsbilder, keine Ansprechpartner für Ministerien, keine Verhandlungsmacht gegenüber Auftraggebern. Wenn die Politik etwas über Multimedia wissen wollte, fragte sie die Telekommunikationsbranche.

Was zu tun war

Aus konkurrierenden Einzelunternehmen einen Verband machen — mit einer Satzung, die auch kleinen Agenturen Stimmrecht gibt, mit Fachgruppen, in denen inhaltlich gearbeitet wird statt repräsentiert, und mit einer Geschäftsstelle, die Positionen erarbeitet. Dazu die Grundlagenarbeit, ohne die eine junge Branche nicht ernst genommen wird: Marktzahlen, Vergütungsmodelle, Ausbildungs- und Berufsbilder, Standards für die Zusammenarbeit zwischen Agentur und Kunde.

Was daraus wurde

Der dmmv wurde zur Vertretung der digitalen Wirtschaft in Deutschland und im Jahr 2000 von der Deutschen Gesellschaft für Verbandsmanagement zum Verband des Jahres gewählt. 2004 haben wir ihn strukturell umgebaut und zum Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) umbenannt — weg vom Technikbegriff „Multimedia“, hin zur Wirtschaftsvertretung. Ich war neun Jahre Geschäftsführer, acht davon zusätzlich Vizepräsident, später im Gesamtvorstand.

Was heute davon steht

Der BVDW ist über zwanzig Jahre nach meinem Ausscheiden die massgebliche Vertretung der digitalen Wirtschaft in Deutschland. Ich habe die Geschäftsführung abgegeben, als die Reform abgeschlossen war; der Verband hat mich zu seinem ersten Ehrenmitglied ernannt.

Deutscher IPv6-Rat

Mitgründer

Ausgangslage

Das Internet lief auf einem Adressraum, der absehbar erschöpft war. Der Nachfolgestandard IPv6 existierte technisch seit Jahren, wurde aber kaum eingeführt: Für den einzelnen Netzbetreiber lohnte sich die Umstellung erst, wenn alle anderen sie auch machten. Ein klassisches Koordinationsproblem — technisch gelöst, organisatorisch ungelöst.

Was zu tun war

Eine Instanz schaffen, die Netzbetreiber, Industrie, Verwaltung und Forschung an einen Tisch bringt und die Umstellung zu einer öffentlichen Frage macht statt zu einer internen Kostenposition. Das heisst: Öffentlichkeit für ein Thema herstellen, das keine Bilder hat und niemanden emotional berührt.

Was daraus wurde

Der Deutsche IPv6-Rat als Zusammenschluss der beteiligten Akteure, mit regelmässigen Gipfeln, Handreichungen für die Verwaltung und einer erkennbaren Position gegenüber Politik und Regulierung.

Was heute davon steht

Die Erfahrung, dass Infrastrukturfragen ohne unmittelbaren Anwendernutzen eine eigene Organisationsform brauchen — sie erledigen sich nicht über den Markt. Diese Einsicht trage ich seither in jede Debatte über digitale Souveränität.

World Summit Award · WSA Germany

seit 2003

Ausgangslage

Der World Summit Award ist aus dem Weltgipfel der Vereinten Nationen zur Informationsgesellschaft hervorgegangen. Er zeichnet digitale Anwendungen aus, die gesellschaftlichen Nutzen stiften — in über hundert Ländern, auch dort, wo Risikokapital und Fachpresse nicht hinschauen. Damit das funktioniert, braucht jedes Land eine eigene Vorauswahl, die die dortigen Projekte tatsächlich kennt.

Was zu tun war

Für Deutschland eine solche Vorauswahl aufbauen und dauerhaft betreiben: Projekte finden, eine Fachjury zusammenstellen, nach international vergleichbaren Massstäben bewerten und die Ergebnisse in den globalen Prozess einspeisen. Ehrenamtlich, ohne Apparat, gegen die Konkurrenz von hundert anderen Preisen.

Was daraus wurde

Seit über zwanzig Jahren die deutsche Nominierung zum World Summit Award, dazu ein Sitz im internationalen Board of Directors. Über die Jahre ist daraus ein belastbares Netzwerk aus Juroren, Gründerinnen und Institutionen entstanden, das weit über den Preis hinaus trägt.

Was heute davon steht

Zwanzig Jahre ehrenamtliche Kontinuität sind das eigentliche Ergebnis. Sie sind der Beleg dafür, dass es mir bei dieser Arbeit nicht um Mandatsdauer geht, sondern um die Sache: Der World Summit Award ist die einzige meiner Aufgaben, die ich nie abgegeben habe.

Bundesverband Green Software e.V.

seit 2024

Ausgangslage

Software verbraucht Energie — über die Rechenzentren, in denen sie läuft, und über die Geräte, die sie voraussetzt. Wie viel, das entscheidet sich in Architekturen und Programmierentscheidungen, für die niemand eine Rechenschaftspflicht hat. Es gab eine aktive Fachgemeinschaft, aber keine Stimme gegenüber Gesetzgebung, Beschaffung und Normung.

Was zu tun war

Aus einer Community einen Bundesverband machen: Rechtsform, Gremien, Mitgliedermodell, und vor allem eine Position, die über den fachlichen Kreis hinaus verständlich ist. Die entscheidende Frage war dieselbe wie 1995 — wer darf für dieses Thema sprechen, und woran misst man ihn?

Was daraus wurde

Der Bundesverband Green Software e.V., gegründet 2024. Ich bin Gründungsmitglied und im Beirat, mit Schwerpunkt auf der Anschlussfähigkeit zur Politik und zur öffentlichen Beschaffung — dort entscheidet sich, ob ressourcenschonende Software ein Wettbewerbsvorteil wird oder ein Bekenntnis bleibt.

Was heute davon steht

Der laufende Beleg, dass die Methode noch trägt. Dreissig Jahre nach dem ersten Verband, mit demselben Vorgehen, an einem Thema, das es damals nicht gab.